LebensGut Pommritz

Im Februar 2014 begann ich meine Reportage über einen sozial-ökologischen Gemeinschafts-versuch. Absicht ist, das Wesen der Personen und Gruppen in selbst erschaffenen Wohn- und Arbeitsbereichen zu erfassen und fotografisch darzustellen – also ein Milieubild mittels einer Serie zu erschaffen. Die Möglichkeit meines Scheiterns ist eingeplant.

Zufahrt zum Landgut

Wie kam ich auf Pommritz?

Von Freunden im Zittauer Raum erfuhr ich von einer alternativen Lebensgemeinschaft, die sich aus Aktivisten um den Philosophen Rudolf Bahro zusammenfand und in der Nähe von Bautzen (Bundesland Sachsen) im Jahre 1992 ansiedelte. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde dort ein verlassenes Landgut vom damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf unter Auflagen und in die Zukunft gerichteten Überprüfungen zur Verfügung gestellt. Ende 1993 übernahm der gegründete Verein für neue Lebensformen die Trägerschaft.

Was tun die dort?

Die Utopie eines hierarchiefreien Gesellschaftslebens, welches von Bahros ehemaligem Mitstreiter Maik Hosang vertreten wurde, war nun der Praxis ausgesetzt.
Knapp 90 Hektar bebaute und Landwirtschaftsfläche galt es zu betreiben und nachhaltig im Kontext zur Verantwortung gegenüber Kindern und Enkelkindern zu gestalten. So gibt es seit langer Zeit ökologischen Obst- und Gemüseanbau, mittelalterlich bestellte Getreidefelder und verarbeitende Einrichtungen, wie Bäckerei, Käserei, Schreinerei und einen Hofladen, der die Gemeinschaft, auch benachbarte Bewohner des Dorfes und umliegender Orte versorgt.

Käserei in Pommritz

Sanierungen des recht geräumigen Gutshauses, weiterer Wohngebäude und Nebengebäude erfolgten in Eigenregie unter Beachtung der Natur- und Gesundheitsverträglichkeit, so z.B. mit Pflanzenkläranlage, Wasseraufbereitung + eigenem Brunnen, Lehminnenputz und umweltbewusstem Heizungskonzept.

Wer lebt dort?

Das LebensGut war, den mir getätigten Angaben zur Folge, nie von mehr als 60 Leuten gleichzeitig bewohnt. Derzeit sind es knapp 40 Personen, darunter ein Drittel Kinder.
Anfänglich wohnten nur Vereinsmitglieder auf dem Gut, unterdessen auch Nichtmitglieder und neue Mitglieder, die jedoch der Idee des sozial-ökologischen Projekts in seiner Tragweite nicht so nahe stehen.

Hufpflege im Ziegenstall

So hat sich über die Zeit sowohl die Vereinsarbeit als auch die Vereinsführung geändert und in einigen Lebensbereichen der des heutigen Alltags in der Gesellschaft angepasst. So haben sich einige Einzelpersonen, Paare oder Familien unterdessen gewerblich selbstständig gemacht, wie es im Ökolandbau, Holzwirtschaft, Käserei und bezüglich des Hofladens sehr präsent ist.

Es besteht folglich unterdessen eine Gemischtlage der Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse, da einige Personen dort wohnen und arbeiten, andere dort wohnen und außerhalb arbeiten und wieder andere außerhalb im Umfeld wohnen und auf dem LebensGut arbeiten – teilweise sogar dort ihr Gewerbe betreiben.

Im Bild eine 5-köpfige Familie, deren Kinder ideale Bedingungen auf dem Gutsgelände und im Umfeld spielerisch nutzen können. Ein geschützter Lebensraum, wo viel Freiheit für die Heranwachsenden gegeben ist, aber auch die Eltern wenig Sorge haben müssen, um ihre herumtollenden Kinder! Auch die Wohnung strahlt handwerkliche Eigeninitiative, Individualität und ein angenehmes Willkommensein aus.

5-köpfige Familie

Wie funktioniert es nach 20 Jahren?

Man wird sagen müssen, dass das Experiment einer nichtkapitalistischen Alternative einige Rückschläge während der Existenz des LebensGutes hinnehmen musste. Es zeigte sich in den vergangenen Jahren, dass die Ausgangspunkte und Erwartungshaltungen der dort hinzuziehenden Bewohner teilweise recht stark differierten, woraus sich drei konkurrierende Interessensgruppen bildeten, deren Schnittmenge scheinbar gering ist, tatsächlich wohl aber größer als auf den ersten Blick erkennbar.

Manches dürfte jedoch schwer durchsetzbar sein, zumal es der Freiwilligkeit der Projektteilnehmer im Sinne nichtautoritärer Hierarchielosigkeit anheim gestellt sein müsste. Der Leidensdruck zum Ausstieg aus der real existierenden Gesellschaft unserer Tage müsste sich deutlich erhöhen, um die menschliche Einsicht zu gleichrangiger Stellung unter Verzicht auf materielle Selbstbestimmung zu befördern.

Wer weiß, was die Zukunft bringt?

Ein weiterer Ausschnitt meiner Fotoserie auf MelCastelli.com findet sich genau hier.

 

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